Abschiedsbrief an die SGSP von Dr. Wolfgang Kupfernagel
Chemnitz, den 7.03.2009
Sehr geehrter Herr von Lüttichau,
zur Mitgliederversammlung 2009 werde ich nicht kommen. Ich hoffe, dass Ähnliches für die Mehrzahl der Mitglieder nicht gilt.
In diesem Jahr geht meine berufliche Tätigkeit als Psychiater, davon 17 Jahre im sozialpsychiatrischen Dienst, zu Ende. Anders als so manche verdienstvolle Kolleginnen und Kollegen werde ich meine Tätigkeit nicht in eine ehrenamtliche Tätigkeit hinein verlängern. Ich beende einen Lebensabschnitt, um einen neuen zu beginnen, der sehr kurz oder auch sehr lang sein kann. Solange ich gesund bleibe, wird es mir, so denke ich heute, nicht langweilig werden.
Ich hatte das große Glück, die politische Wende in Deutschland miterleben und an ihren positiven Folgen teilhaben zu dürfen. Anders als viele Zeitgenossen und insbesondere auch anders als viele der psychisch Kranken, mit denen ich je eine Zeit lang zu tun hatte, war ich nie von Arbeitslosigkeit auch nur bedroht. Aber ich gehörte auch nicht zu denen, die unter der Menge ihrer Arbeit und Ausbeutung zusammenbrechen mussten. Das bedeutet nicht, dass mein Leben und mein berufliches insbesondere bequem gewesen wäre. Vor allem in den Jahren als Kursleiter für die Sozialpsychiatrische Zusatzausbildung der DGSP (1992-1995 und 1996-1999) kam ich an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit und ging allmählich sorgsamer mit meinen Kräften um, damit es für die Arbeit im Dienst stets reichte.
Ich hatte das Glück, einige der „alten Kämpen“ der Psychiatriereform noch persönlich zu erleben und teilweise auch kennen zu lernen, allen voran Ursula Plog, und das ganz besonders im Zusammenhang mit den schon erwähnten Kursen.
Mein Engagement in der Sozialen Psychiatrie war nicht erst mit der Wende entstanden. Es begann in der Chemnitzer Psychiatrie unter Psychiaterehepaar Steinkopff, setzte sich in der unmittelbaren Arbeit unter meinem Oberarzt Foertsch (er hat sich gerade im Deutschen Ärzteblatt in einem Leserbrief zur Chemnitzer Psychiatrie geäußert) fort, war gespeist vom Geist der Rodewischer Thesen, der mich schon in den Vorlesungen von Professor Ehrig Lange berührt hatte, wurde konkret in der Begegnung mit Johannes Meisel, einem evangelischen Pfarrer, der sich mit über fünfzig Jahren noch zum Krankenpfleger ausbilden ließ und nahm schließlich umsetzungsfähige Formen an in der Zusammenarbeit mit der Leipziger Universitätspsychiatrie unter Professor Klaus Weise, an deren Entwicklung ich unter meinen damaligen Vorgesetzten und mit meinen damaligen Mitarbeitern teilhaben konnte.
In der SGSP bin ich Gründungsmitglied. Immer habe ich bedauert, darin nicht aktiver wirken zu können, zumal ich mir die SGSP immer aktiver gewünscht hätte. Nach einem alten Grundsatz des römischen Rechts kann niemand über sein Können hinaus verpflichtet werden. Über das persönliche Unvermögen hinaus ist es aber vermutlich auch der gesellschaftliche Kontext gewesen, der eine aktivere Entfaltung der SGSP behindert hat. Zur Zeit der Gründung innerhalb des Verbands der DGSP war die große Zeit des Aufbruchs dort längst vorbei und hatte zu einem Rahmen von Möglichkeiten geführt, wie ihn die „Empfehlungen der Expertenkommission“ von 1988 beschrieben. Das Sächsische Sozialministerium unter Hans Geißler hatte einerseits die Empfehlungen und andererseits die Erschütterung über Waldheim aufgenommen und war motiviert, eine moderne psychiatrische Versorgung zu schaffen. Man war bereit gewesen, die Protagonisten sozialpsychiatrischer Ideen in die Versorgungsplanung einzubinden. Was hätte in dieser Situation eine kämpferische Haltung der SGSP begründen sollen – zumal wir doch alle eher am Orientieren und die Kräfte des Formierens ganz andere auf ganz anderen politischen Schauplätzen waren.
Brauchte es deshalb vielleicht gar keine SGSP? Das denke ich nicht. Die SGSP konnte in der Zeit ihres Bestehens immer wieder Menschen um die Ideen der Sozialpsychiatrie sammeln. Die SGSP war, wo sie in Tagungen und gelegentlichen Verlautbarungen aktiv wurde, in der Lage, Kräfte zu bündeln. Sie konnte für kritische und auch unfrisierte Meinungsäußerungen eine Plattform bieten, und sie bietet für kommende Aufgaben eine Plattform, die ausbaufähig ist.
Es haben gelegentlich Leute vom Ende der Psychiatriereform gesprochen. Dem halte ich eine Äußerung von Antonio Slavich (aus dem Kreis um Franco Basaglia) während einer Podiumsdiskussion zur Herbsttagung der DGSP 1996 in Chemnitz entgegen: „Die Psychiatrie muss immer wieder denunziert werden.“
Denunziert werden? Denunzieren hat in unseren Ohren nach zwei Diktaturen von 1933 bis 1989 einen üblen Klang. Der soll nicht verharmlost werden. Dennoch ist wohl Denunzieren, also Verraten mit all seinem negativen Beigeschmack, gemeint. Es wohnt der Psychiatrie - in ihrer bisherigen Geschichte – etwas Peinliches und deshalb gern Verborgenes inne, das verraten werden muss. Mit dem Machtanspruch der Psychiatrie gegenüber dem Individuum ist das zu Verratende noch nicht ausreichend beschrieben, obwohl es schon Wesentliches aussagt. Es muss das Dilemma zwischen Hilfe und Kontrolle hinzugedacht werden. Und es ist auch nicht damit getan, sich streng auf das Helfen zu beschränken. Das führt nur dazu, dass andere die Machtansprüche durchsetzen. Und es ist auch nicht damit getan, den jeweils anderen die Machtansprüche zuzuschreiben. Als Psychiatrietätige sind wir in diese Machtansprüche unentrinnbar verwoben. Deshalb haben wir die Frage nach der Angemessenheit der Machtausübung zuallererst an uns selbst zu stellen: nicht einmal, nicht zweimal, sondern immer. Aber zugleich haben wir diese Frage schon auch an die anderen Beteiligten zu stellen: nicht einmal, nicht zweimal, sondern auch immer.
Dazu gehört auch die Frage der Machtverteilung. Welch Unterschied zum Beispiel besteht zwischen der Praxis der sogenannt komplementären Psychiatrie und der stationären! Wie viel Therapie-Ideologie wird in universitären Einrichtungen produziert, wie viel in anderen klinischen Einrichtungen, wie viel bei den niedergelassenen Ärzten und wie viel (oder nunmehr wie wenig) in den komplementären Einrichtungen! Und in welchem diametralen Verhältnis steht dies zu den viel umfänglicheren Erfahrungen der Psychiatrietätigen in Kontakt- und Beratungsstellungen, Tagesstätten, Werkstätten, Wohnheimen, Ambulant betreutem Wohnen und sozialpsychiatrischen Diensten!
Und wie steht es mit Artikel 1 des Grundgesetzes? Wie steht es mit unserem Engagement, die Würde des Menschen als unverletzlich zu betrachten, beispielweise vor dem Hintergrund angeblicher (oder auch realer) ökonomischer Zwänge? Wie steht es um die Vermarktung (Verwurstung) der Psychiatrie ? Wehren wir uns oder sind wir Erfüllungsgehilfen mit vorauseilendem Gehorsam? Folgen wir den Bürokraten oder handeln wir mit Ihnen aus, dass sie – wie übrigens auch wir – Dienende im Zusammenhalt des Ganzen sind? Folgen wir denjenigen unter den Medizinern, die die Therapie auf Psychopharmaka-Verordnung reduzieren oder ermutigen wir unsere Klienten, Psychopharmaka und Psychotherapie und Soziotherapie und Rehabilitation auszuhandeln? Und wie werden wir den Paranoikern gerecht, die sich aller Psychiatrie verweigern und sie wegen ihre Störpotenzials doch immer wieder in Anspruch nehmen?
„Die Psychiatrie immer wieder denunzieren.“ Diesen radikalen Satz des Antonio Slavich möchte ich der SGSP gerne vererben.
Sollten die hier aufgeschriebenen Gedanken der weiteren Arbeit der SGSP hilfreich sein, so würde es mich freuen. Ich wünsche der Mitgliederversammlung einen guten Verlauf und der SGSP eine gute Zukunft.
Mit herzlichen Grüßen
Wolfgang Kupfernagel
